Mikhail Wrubels Haus in Kyjiw: die ukrainischen Spuren des Künstlers

Vor ein paar Tagen stand ich in Kyjiw vor dem Haus eines Künstlers, dessen Bild mein Leben verändert hat. Darüber hab ich letztes und dieses Jahr geschrieben.

Ich war ein kleines Mädchen, als ich zum ersten Mal vor Wrubels Sitzendem Dämon stand. Ich verstand damals nichts von Kunstgeschichte oder nationalen Etiketten. Das Bild berührte nur etwas in mir, für das ich noch keinen Namen hatte. Heute weiß ich, dass Kunst menschliche Erfahrung so tief eingraviert in sich trägt, dass selbst ein Kind sie erkennen kann. Und so dauerhaft, dass sie sich über ein ganzes Leben hinweg entfaltet.

Eingang zum Wohnhaus des Malers Mikhail Wrubel am Andrejewski-Abstieg in Kyjiw, Ukraine – historische Fassade in der Altstadt, Wirkungsort Wrubels während er Ikonen malte, vor der Entstehung des Gemäldes „Der Sitzende Dämon".

Eingang zu Wrubels Haus am Andrejewski-Abstieg, Kyjiw, Ukraine

Vor diesem Haus kamen die anderen Geschichten zurück, in denen ich über meine Heimat geschrieben hatte. Ich hatte über Malevich geschrieben. Über Kyjiw. Über meinen kleinen Cousin, der dort mit seiner Verlobten lebt. Nur ist sie inzwischen seine Frau geworden. Ich musste also wieder in meine Essays eintauchen und das Wort ‚Verlobte' zu ‚Frau' ändern. Eine kleine biografische Korrektur. Fast nichts.

Und je tiefer ich in diese Geschichten eintauchte, desto häufiger begegnete ich Künstlern, über die ich geschrieben habe, weil ich sie zuerst über ihr Werk gefunden habe und erst später über ihre Herkunft. Malevich. Clarice Lispector. Wrubel in Kyjiw. Namen, die durch verschiedene Sprachen und Länder wandern und von mehreren nationalen Geschichten beansprucht wurden.

In einem der Essays hatte ich Clarice Lispector zitiert, weil mich ein Satz an den Dämon erinnerte. Ursprünglich hatte ich sie aber nicht gelesen, weil sie in der heutigen Ukraine geboren wurde. Ich kam zu ihr über diese Stelle:

Sie schwiegen.
„Ich habe noch nie so viel geredet", sagte Lóri.
„Mir wirst du deine ganze Seele ausschütten, auch wenn du schweigst."
*

Über diese Vorstellung, dass eine Seele auch im Schweigen sprechen kann. Erst später erfuhr ich, dass auch sie nach ihrer Geburt aus der Ukraine geflohen ist. Nach Brasilien.

Das fühlt sich in heutigen Zeiten nicht leicht an. Es sind keine Fußnoten, die man an große Werke hängt, damit sie näher an einen selbst heranrücken. Sie zeigen, wie oft ukrainische Geschichte in fremden Regalen stand. Wie oft ein Land künstlerisch anwesend war, während seine Stimme unter anderen Namen abgelegt wurde. Kreativität war da. Aber ihr freier Ausdruck war historisch zur Vorsicht geschult. Viele Künstler lebten im realen Exil, andere im gedanklichen. Und trotzdem war dieses Land nie arm an künstlerischer Wirklichkeit. Was sich früher wie eine biografische Randnotiz las, erscheint mir heute als Spur einer kollektiven Erfahrung. Eine Region, die zwischen Zuschreibungen zerrieben wurde und trotzdem Bilder, Bücher, Stimmen und Formen hervorgebracht hat, die weiterarbeiten.

Als ich den Satz korrigierte, war sie längst nicht mehr seine Verlobte. Sie war seine Frau. Selbst die Fakten bewegten sich weiter, während ich über das schreibe, was bleibt.

Aufgeschlagene Seite 89 aus Clarice Lispectors "Eine Lehre oder das Buch der Lust", Rowohlt 1988.

‘Mir wirst du deine ganze Seele ausschütten, auch wenn du schweigst…’ — Clarice Lispector, Eine Lehre oder das Buch der Lust, 1988

*Clarice Lispector: Eine Lehre oder das Buch der Lust. Rowohlt, 1988, S. 89.

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