Kunst in Krisenzeiten. Welche Sprache findet Kunst in Zeiten von Konflikt? Über Schönheit, Widerstand und transkulturelle Prägung.

Wir erzählen uns selbst und den anderen permanent, wer wir sind. Aber das Leben unterbricht diese Erzählungen von Zeit zu Zeit. Manchmal mit einer Plastiktüte voller vergilbter Briefe. Und Funden, die einem zeigen, wer man war, bevor man jemand wurde.

Wie tief ich allerdings in meiner Ahnenforschung steckte, begriff ich erst, als ich, begleitet von sehr gemischten Gefühlen, von Ehrfurcht und dem Wissen darum, wie widersprüchlich die Geschichte ihre Figuren hinterlässt, den Brief eines Nobelpreisträgers öffnete, der an unsere Familie adressiert war. Sehr gemischt, weil ich sofort ahnte, dass dieser Fund noch mehr Fragen als Antworten liefern würde. Da werde ich in den nächsten Monaten noch mehr dazulernen dürfen, denn ursprünglich hatte ich nur Fragen an die Kunst, die mich bereits ein Leben lang begleiten:

Warum gilt Schönheit im Westen als Luxus und etwas, was man sich erst leistet, wenn Grundbedürfnisse gedeckt sind? Und in den osteuropäischen Gesellschaften, in denen ich aufgewachsen bin, als existenzielles Grundbedürfnis? Daraus ergaben sich weitere Fragen: Wie schön darf Kunst in Krisenzeiten sein? Und muss sie geopolitische Konflikte illustrieren (wie oft gefordert), um sie zu lösen?

Zuerst suchte ich nach Antworten in der Kunst. Aber Kunst gibt nicht alle Antworten. Auch nicht die illustrative Dokumentation oder Kommentare. Meist tun das Nachrichten. Kunst beginnt dort, wo Zeit sich faltet. Und macht sichtbar, was im Menschen weiterarbeitet. Interessant werden diese Spannungen vor allem dann, wenn man sie nicht nur als stilprägende Geschmacksfrage liest, sondern als kulturelle Prägung.

Um genau diese Fragen kreisen meine Familie und ich seit Jahrzehnten: ob wir nicht weniger rhetorische Härte und Konfrontation und mehr Sensibilität dafür brauchen, was Sprache und Kunst emotional, historisch und atmosphärisch in Menschen auslösen.

Wer transkulturell aufwächst, beginnt irgendwann zu beobachten, dass jede Gesellschaft andere Erwartungen an Kunst stellt und dass auch jeder Künstler eine eigene Agenda hat. „Die Kunstwelt“ ist kein moralisch geschlossenes Kollektiv mit einer gemeinsamen Aufgabe. Und Künstler arbeiten eben nicht wie eine politische Partei. Nicht einmal innerhalb derselben historischen Katastrophe.

Nicht jede Fähigkeit ist für dieselbe Form von Widerstand gemacht. Wenn man rauszoomt und sie in einen ost- und westeuropäischen Kontext stellt, versteht man, warum nicht jede kulturelle Antwort auf eine bedrohliche Gegenwart dieselbe Sprache sprechen muss. Natürlich müssen Konflikte sichtbar gemacht werden! Doch eine Sprache, die vor allem anklagt, konfrontiert und alarmiert, führt nicht zwangsläufig zu größerer Nähe. Sie erzeugt Aufmerksamkeit, danach aber auch oft Erschöpfung und inneren Rückzug.

Über die Wirklichkeit meiner sowjetischen Kindheit in der Ukraine habe ich ja bereits mehrfach geschrieben und werde es weiterhin tun. Darüber, dass manchmal statt Wasser nur Rost aus den Leitungen kam, weil selbst grundlegende Infrastruktur von Mangel, Kontrolle und Improvisation geprägt war.

In der Ukraine lebte ich die meiste Zeit bei meiner Omi Ljubow in Nowowolynsk, zusammen mit meinem Onkel Viktor, meiner Tante Valentina und meinem Cousin Tjöma. Später mit meinem Papi Alexander und meinem Goldhamster Tina in Lwiw, wo er Philosophie an der Iwan-Franko-Universität lehrte, während meine Mama Nina immer wieder nach Moskau reiste, um dort zu studieren. Dort begegnete sie auch meinem späteren Stiefpapa Friedhelm, einem Linguistikprofessor, der in Dortmund lebte und in Bochum lehrte. !991 zogen meine Mama und ich nach Deutschland, und dort trat ich nicht einfach in eine neue Familie und einen neuen Haushalt ein. Ich trat in ein geistiges Klima ein, das von Sprache, Austausch und dem aufrichtigen, behutsamen Versuch geprägt war, Brücken zwischen Welten zu bauen, die sich offiziell oft feindlich gegenüberstanden.

Friedhelm - „der den Frieden schützt“

aus dem Althochdeutschen:
/fridu/ Frieden, Sicherheit
/helm/ Schutz, Bewahrung

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich die eine oder andere Sprache vergesse, aber Friedhelm sprach akzentfrei Russisch, fließend Chinesisch und Englisch, lernte bis kurz vor seinem Tod Niederländisch und beschäftigte sich jahrzehntelang mit der Sowjetunion, mit Sprache und mit Fragen kultureller Verständigung.

Das Haus, in das ich dann später einzog, hatte er in den 70er Jahren selbst geplant. Mit einem kleinen zusätzlichen Zimmer unter dem Dach, einem eigenen Eingang, Bad und einem separaten Stromkreis. In unserer Familie hieß es einfach „das Fremdenzimmer“. Aber aus einer selbstverständlichen Offenheit, weil dort über Jahrzehnte gefühlt ganze Delegationen ein- und ausgingen. Dort lebten Austauschstudenten, Wissenschaftler, Schriftsteller, Musiker, Gäste aus der ganzen Welt. Heute befindet sich dort mein Atelier.

Friedhelm brachte mir nicht nur Deutsch bei. Er baute eine Brücke, bevor ich überhaupt verstand, dass ich auf einer stand. Ich kam im Mai 1991 nach Dortmund und er setzte sich in den Sommerferien mit mir in den Garten und übte mit mir „Der, die, das“. „Der, die, das“. „Der, die, das“. Dann Grammatik. Oargh. Verben. Ich hasste es, natürlich! Aber ihm habe ich zu verdanken, dass ich reibungslos in die vierte Klasse wechseln konnte und kein sichtbares Scheitern an der Schwelle einer neuen Gesellschaft erleben musste.

Aber Sprache formt sich langsam. Und jeder von uns kennt es: als Kind Erwachsenengesprächen nicht folgen zu können. Bei uns waren es Themen, in denen immer wieder irgendein Bert Brecht erwähnt wurde. Ein Name, der am Essenstisch ständig fiel, als gehörte er zu jenen selbstverständlichen Hausgästen, die man nie sieht und doch kennt.

Erst viel später, als Brecht auf dem Lehrplan der Abiturvorbereitungen stand, habe ich meine Mama gefragt, ob Friedhelm Bertolt Brecht wirklich gekannt habe. Meine Mama korrigierte, dass Brecht wohl vielmehr einen gewaltigen Eindruck hinterlassen habe, als Friedhelm ihn bei einer Theatervorführung einmal habe sprechen können.

Wen er aber wirklich kannte, sagte sie, war Max Frisch. Mit ihm habe er sich ein Zugabteil auf der Reise zu einer Friedenskonferenz nach Moskau geteilt, zu der Gorbatschow eingeladen hatte.

„Hätte ich mal Tagebuch geführt!“, sagte meine Mami.

Und seitdem habe ich dieses Bild vor mir: ein Zug nach Moskau. Ein Schriftsteller. Ein Sprachwissenschaftler. Und Gespräche, von denen nichts überliefert ist. Wen würde diese überlieferte Nicht-Überlieferung nicht treffen?

Diese Leerstelle versuche ich seitdem immer wieder über Friedhelms Publikationen zu füllen, und mithilfe all der anderen Fragmente, die er hinterlassen hat. Das meiste kreist um die Erhaltung des Friedens, mithilfe von Sprache. Genau wie dieses Buch, an dem Friedhelm als Mitherausgeber beteiligt war.

Natürlich zitiert es auch Brecht. Ausgerechnet Brecht, der so oft als Kronzeuge politischer Konfrontationskunst aufgerufen wird. Aber ein Zitat, das das Buch wählte, klingt so:

„… Da war auch eine Liebe.
Sie war zwölf, er war fünfzehn Jahr.
In einem zerschossenen Hofe
kämmte sie ihm sein Haar …

Die Liebe konnte nicht bestehen;
es kam zu großer Kält’.
Wie sollen die Bäumchen blühen,
wenn so viel Schnee drauf fällt?…“

Nicht Anklage. Nicht Schock. Stille Bilder als Schutz vor Abstumpfung. Auch das ist Brecht. Auch das ist Widerstand.

Und plötzlich erschienen mir auch die Fragen an die Kunst in einem anderen Licht. Von Künstlern wird heute oft erwartet, die Gegenwart sichtbar zu machen, auf sie unmittelbar zu reagieren, Haltung zu produzieren, historische Entwicklungen fast in Echtzeit ästhetisch zu verarbeiten. Dabei wird häufig übersehen, dass Kunst von Menschen gemacht wird und nicht von Programmen.

Je länger ich Friedhelms Texte lese, desto stärker beschäftigt mich die Vorstellung, dass auch Friedensarbeit niemals nur eine einzige Form haben kann. Und dass Verständigung nicht ausschließlich in Politik entsteht, sondern ebenso in Sprache, in Literatur, in Architektur, in Erinnerung, in der Fähigkeit, den Menschen innerlich offen zu halten.

Zwischen den Texten standen Schriftsteller neben Politikern, Wissenschaftler neben Künstlern, Linguisten neben Historikern. Keine gemeinsame Ästhetik. Keine gemeinsame Sprache. Nicht einmal dieselbe Vorstellung davon, wie man auf Geschichte antworten und Weltzerstörung entgegenarbeiten müsse. Und genau darin lag plötzlich etwas ungeheuer Tröstliches.

Manche Menschen dokumentieren. Manche warnen. Manche analysieren. Manche verhandeln. Manche übersetzen zwischen Welten. Manche versuchen einfach nur, den Menschen empfindungsfähig zu halten.

Max Frisch schrieb einmal:

„Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kamen Menschen.“

Ähnliches gilt auch für Kunst.

Man fordert von ihr oft Haltung, Reaktion, Einordnung, historische Positionierung.

Und dann kommen Menschen.

Mit ihren Brüchen. Ihren Widersprüchen. Ihren Hoffnungen. Ihren Erinnerungen. Mit verschiedenen Ängsten. Ihren unterschiedlichen Formen, dem Zerfall von Welt entgegenzuarbeiten.

Quellen und Literatur

Europa an der Schwelle des 3. Jahrtausends. Beiträge aus Politik, Wissenschaft und Kultur, herausgegeben unter Mitwirkung von Friedhelm […], Dortmund/Moskau, 1986.

Bertolt Brecht: Kinderkreuzzug 1939.

Max Frisch: Vorwort zu Siamo italiani – Die Italiener, 1965.

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