Mein Urknall als Künstlerin.

Manchmal reicht ein Bild in einem Katalog, ein beiläufiger Verweis in einem Text, ein schlecht reproduzierter Ausschnitt in einem Aufsatz, um eine ganze innere Landschaft zu öffnen. Der sitzende Dämon von Michail Wrubel ist für mich so ein Bild. Und jedes Mal, wenn er sich wieder meldet, steht nicht zuerst die Kunstgeschichte vor mir, nicht Symbolismus, nicht russische Seelenkunde, sondern ein Bild. Ein Museum. Ein Kind. Und ein Blick, der zu groß ist für das Alter, das ihn trägt.

Michail Wrubel, Sitzender Dämon, 1890
Öl auf Leinwand, 114 × 211 cm
Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau
Foto: Alexander Rosanow

Aber von vorn: wer mich länger kennt, kennt diese Geschichte. Meine Mama und ich wissen nicht mehr genau, wie alt ich war. Sechs, sieben, vielleicht acht, als sie mich in die Tretjakow-Galerie in Moskau mitnahm. Ich war ein pflegeleichtes Kind, sagte man. Unschärfe gehört ja zu Erinnerungen. Bis zu diesem Bild.

Vor mir hing Sitzender Dämon von Michail Wrubel. 1890. Ich wusste nichts über dieses Werk, aber etwas in mir veränderte sich. Ich kannte Lermontow nicht. Ich wusste nichts von Tamara, nichts vom gefallenen Engel, der seit seinem Fall unsterblich und heimatlos über die Erde streift und in den Bergen des Kaukasus für einen Augenblick glaubt, noch einmal Bindung finden zu können. Nichts von jener Liebe, die Erlösung verspricht und Vernichtung wird.

Und doch erkannte ich instinktiv einen Zustand, der mich traf, bevor ich ihn verstehen konnte. Einen Körper, der zu viel trägt. Eine Kraft, die keinen Weg findet. Eine Zärtlichkeit, die nicht gerettet wird. Zunächst ist es nichts Ungewöhnliches, sich vor großer Kunst nicht lösen zu können. Aber das war neu. Ich blieb stehen. Meine Mutter rief. Ich kam nicht. Irgendwann saß ich auf dem Boden. Sie ließ mich. Ich weinte, weil ich nicht weg konnte. Weil ich nicht weg wollte. Bis das Museum schloss. Diese frühe Begegnung lehrte mich etwas Fundamentales: Kunst trägt menschliche Erfahrung so tief eingraviert in sich, dass selbst ein Kind sie erkennen kann. Und so dauerhaft, dass sie sich über ein ganzes Leben hinweg entfaltet. Erst viel später verstand ich, aus welcher Geschichte dieser Körper kam.

Natürlich ist das Bild nicht immer so präsent, wie ich es hier beschreibe. Über Jahre war er auch nicht da. Aber weil er sich so eingebrannt hat, wurde er eine Art innerer Topos. Ein Ort, den ich nicht aufsuche, sondern der sich meldet. Wie beim Lesen dieses Satzes:

„sie war von den Anstrengungen des befreiten Tieres müde."

— Eine Lehre oder das Buch der Lust, Clarice Lispector, S. 11. *

Dieser Satz scheint für ihn geschrieben. Und widerspricht allem, was Freiheit gewöhnlich verspricht. Kein Aufatmen, keine Erleichterung, nur Müdigkeit. Nicht aus Überforderung, sondern aus Bewegung. Freiheit ist Eigenverantwortung. Gewicht. Richtung. Und so ruht der Dämon, weil die Bewegung aufgehört hat, Sinn zu ergeben.

Er sitzt. Die Kraft ist nicht verschwunden, sie ist verbraucht. Das Tier wurde nicht gezähmt, nicht gebrochen. Es wurde losgelassen. Und genau darin liegt die Anstrengung. Wer loslässt, verliert nicht die Ketten, sondern die Führung. Freiheit ist hier ein Körper, der plötzlich selbst tragen muss. Befreien ist hier kein verheißungsvolles Aufatmen. Freiheit ist nicht leicht, sie kostet Kraft. Sie ist körperlich anstrengend. Sie fordert Muskeln, die man noch nicht trainiert hat.

Er scheint das freie Wesen schlechthin zu sein. Ohne Bindung an Gott, ohne Zugehörigkeit zum Himmel, ohne die alten Orientierungspunkte. Vollständig freigesetzt. Und genau das lähmt ihn. Aber der Dämon ist nicht nur eine Figur der Freiheit. Er ist auch eine Figur der unerträglichen Sehnsucht nach Bindung. Bei Lermontow entsteht seine eigentliche Tragödie nicht allein aus dem Fall, sondern aus dem Moment, in dem dieser heimatlose Geist Tamara sieht. Er will sie nicht zerstören, aber weil seine Liebe nicht mehr menschlich maßvoll sein kann, liebt er aus einem Zustand der Entwurzelung und einer tiefen Vereinsamung. Er bringt keine schützende Liebe mit, sondern eine Liebe, die alles in sich hineinzieht: Sehnsucht, Erlösungsphantasie, Besitz, Hunger nach Heimkehr und Sinn. Tamara begegnet nicht einfach einem Liebenden, sondern einem Wesen, das durch sie gerettet werden will. Und niemand kann die Erlösung eines gefallenen Engels tragen.

Für ihn wird sie zur Möglichkeit, dass Rückkehr noch denkbar sein könnte: Zuhause, Nähe, Erfüllung, Ausweg, vielleicht sogar Existenzberechtigung. Oder sogar ein Ende seiner unendlichen Selbstgefangenschaft. Gerade weil diese Liebe so absolut ist, ist sie so zerstörerisch. Der Dämon liebt nicht wie ein Mensch liebt. Er liebt wie ein Wesen, das nichts mehr hat außer der ganzen Gewalt seiner Sehnsucht. Das macht die Geschichte so komplex: der Dämon ist nicht nur der Zerstörer Tamaras, er ist auch derjenige, der an der Unmöglichkeit seiner eigenen Rettung zerbricht. Was er berührt, kann er nicht bewahren. Was er liebt, kann er nicht retten.

Ich sehe die Details wieder: die verschränkten Arme sind keine Abwehr, sondern ein Halten seiner selbst, weil nichts anderes ihn mehr hält. Die nach innen gekehrten Augen suchen, aber dort ist nichts mehr, das Antwort gibt. Er trauert nicht nur um jemanden, sondern um die Struktur, die ihn definiert hat. Und paradoxerweise um eine Bindung, die ihn erst wirklich frei gemacht hätte.

Wrubels zerklüftete Farbflächen machen den Bruch fast physisch greifbar, Blüten in einer mineralischen Härte, in einem Leuchten, das beinahe schmerzt. Dazwischen glüht ein Horizont, der gerade erlischt und den Dämon in einer Pracht zurücklässt, die ihn nicht mehr wärmt. Da ist kein Geländer mehr, keine Führung, kein Raum, der eine Richtung vorgibt. Das Tier ist los. Aber es geht nirgendwohin. Es sitzt. Und das Sitzen ist hier die ehrlichste Form von Trauer: das Innehalten in einer Freiheit, die niemand gewollt hat.

For an earlier English reflection in the same painting find the essay: Why Art Matters. The Most Important Painting Of My Life

„sie war von den Anstrengungen des befreiten Tieres müde."   — Eine Lehre oder das Buch der Lust, Clarice Lispector, S. 11.

* „sie war von den Anstrengungen des befreiten Tieres müde." — Eine Lehre oder das Buch der Lust, Clarice Lispector, S. 11.

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