Kunst wurde nicht nur zu meinem Beruf, weil ich dazu ausgebildet wurde. Sie wurde zu meiner Sprache, weil alles andere sich verschob.
Dieses Foto erzählt von Durchhalten. Von einer Kreativität, die nicht nur aus Inspiration geboren wird, sondern Disziplin. Dieses Foto wirkt zunächst unspektakulär. Keine Pose, kein inszenierter Blick. Und genau darin liegt seine Bedeutung, weil es zeigt, dass es Dinge gibt, die nur über den Körper gehen. Und andere, die nur über Bilder zu halten sind.
Wer sehr genau hinsieht, erkennt sofort, dass die nackten Füße gearbeitet haben. Sie tragen Spuren von Ballett: Druckstellen, Pflaster. In den Händen ein analoger Film und Aufmerksamkeit für das, was erst entstehen darf.
Im Hintergrund, gerahmt, eine Skizze des Sterbenden Sklaven von Michelangelo. Künstlerische Praxis ist hier nicht nur eine jahrelange Einübung, sondern eine Erfahrung, die sich von alleine erzählt, weil sie sichtbar ist.
Es gibt Biografien, die lassen sich mühelos linear entfalten. Und es gibt andere, die einer eigenen inneren Chronologie folgen, die Ordnung nicht primär über Zeit, sondern über Verschiebungen herstellt. Bei denen man lange nicht weiß, ob das, woran man sich erinnert, zeitlich oder existenziell geordnet ist. Vielleicht, weil ihre einzige Konstante nicht aus Stationen besteht, sondern aus Übergängen. Räume, die man bewohnt hat, ohne je ganz anzukommen. Sprachen, die einen umgeben haben, ohne sich je vollständig anzueignen. Und eine künstlerische Praxis, die lange Zeit der einzige Ort war, an dem etwas wie Zugehörigkeit möglich schien.
Ich bin 1981 in Nowowolynsk geboren, einer Kleinstadt in der westlichen Ukraine, die damals noch fest in der sowjetischen Wirklichkeit verankert war. Wenn ich heute von einer glücklichen Kindheit spreche, dann mit einer Vorsicht, fast tastend, denn dieses Glück war kein Zustand, der sich von selbst einstellte. Es war eine Leistung. Eine kollektive Anstrengung. Getragen von einer Familie, die Stabilität nicht vorfand, sondern immer wieder herstellte. Gegen widrige Umstände, gegen Mangel, gegen eine Realität, die sich nur selten als verlässlich erwies.
Es liegt so weit zurück, dass man sich das Leben in der sowjetisch geprägten Ukraine als eine kurze, instabile Episode vorstellt. In Wahrheit war es ein ganzes, brüchiges Fundament. Wasser kam manchmal nur als Rost aus der Leitung, als wäre Grundversorgung eine administrative Variable. Schuld und Scham lagen wie ein feiner, kaum sichtbarer Staub über allem, als hätte selbst die Infrastruktur den Glauben an Dauer und Integrität aufgegeben. Man lernte früh, sich zu bewegen, ohne aufzufallen. Sich immer und überall anzupassen. Was sich hier früh zeigt, ist Anpassung, nicht als Unterwerfung, sondern als eine spannungsvolle Fähigkeit, der Instabilität der Welt etwas Stabiles entgegenzusetzen.
Kreativität war anwesend, doch ihre Verkörperung lebte – historisch geschult in Distanz – im gedanklichen oder realen Exil. Und doch war dieses Land nie arm an künstlerischer Radikalität. Man denke nur an Malewitsch: an die Klarheit und Härte seiner Formen, an das Beharren auf (s)einer Ordnung jenseits des Sichtbaren. Dass er aus Kyjiw stammte (wo mein kleiner Cousin bis heute mit seiner Verlobten lebt), aus einer Region, die zwischen kulturellen Zuschreibungen zerrieben wurde, erscheint mir heute weniger als biografische Randnotiz denn als Signatur einer historisch-kollektiven Erfahrung. Freier Wille zeigte sich gelegentlich als Ahnung, irgendwo am Horizont. Selbst polnisches Radio wurde gejammt, obwohl die polnische Grenze beinahe fußläufig von unserer Datscha lag.
Ja, unsere Datscha. Ich wuchs bei meiner Großmutter auf. Mein Großvater war ein Jahr vor meiner Geburt gestorben, und doch war er präsent, in Form einer fast fertig gebauten Datscha, die er hinterlassen hatte. Ein Versprechen im unfertigen Zustand. Mein Vater vollendete sie später, mit einer Beharrlichkeit, die weniger auf Sicherheit als auf Hoffnung zielte. Auch ich half mit, so gut ich konnte. Ich war ja schließlich schon 2!
„привет всем дачникам и неудачникам“ *
Hat mein Opi damals hastig in die nasse Zementschicht eingeritzt, noch bevor die Oberfläche anzog. Fossilisiert für die Dauer eines Hauses, vielleicht länger. Daneben, leicht versetzt, die Handabdrücke meines Vaters und meine eigenen klitzekleinen Händchen. Diese Platte im Fundament trug die eigentliche Logik dieses Ortes. Gemeinsam arbeiten. Spuren hinterlassen, ohne zu wissen, wer sie eines Tages lesen würde. Ein Haus nicht auf perfekter Stabilität gründen, sondern auf Wiederkehr: Zurückkommen. Ausbessern. Weitermachen. Durchhalten. Anpassen.
So wie die Datscha ein Ort der Improvisation war, war es auch unser Zuhause: eine Feststellung, dass das Dauerhafte selten das Geplante ist. Wir lebten zu mehreren Generationen in einer Wohnung. Meine Mutter arbeitete in Moskau an ihrer Doktorarbeit, mein Vater lehrte Philosophie in Lwiw. Dazwischen lagen Abwesenheiten, Busfahrten, Züge, Kilometer- und tagelange unsichtbare Grenzen.
Bevor mein Cousin geboren wurde, kümmerten sich - wenn meine Eltern es nicht konnten - meine Omi, mein Onkel und meine Tante um mich. Sie förderten mich, wo immer es möglich war. Ballettunterricht ab drei. Sieben Jahre Klavierunterricht, alle vergeudet, denn alles, was ich wollte, war zeichnen.
Ordnung war kein Versprechen von Stabilität, sondern eine Form von Fürsorge. Dinge hatten ihren Platz nicht, weil sie funktional waren, sondern weil sie blieben. Man stellte sie ab, um später auf sie zurückzukommen. Oder um sich zu vergewissern, dass es dieses Später überhaupt geben könnte.
Irgendwann fand ich ein Buch meiner Tante aus dem Louvre. Darin der Sterbende Sklave von Michelangelo. Dazu habe ich keine Geschichte im eigentlichen Sinn. Kein Datum, keinen Anlass. Nur die Tatsache, dass ich ihn immer und immer und immer wieder zeichnete. Es war eine kindliche Obsession und eine frühe künstlerische Ambition. So wurden die Bücher meiner Tante aus Paris zu einer Fluchtlinie, lange bevor ich wusste, was Kunstgeschichte ist. Dieser Sterbende Sklave war der Erste, der mich aus der Welt, wie ich sie kannte, in eine andere entführte. Er begleitete mich lange Jahre, weil er mir damals schon zeigte, dass Haltung nicht Freiheit bedeutet, sondern oft das Gegenteil. Dass Kraft sich nicht im Entkommen zeigt, sondern im Ausharren. Wieder dieses Anpassen.
Jahre später, nach mehreren Umzügen und einem Leben an verschiedenen Orten mit verschiedenen Sprachen, gingen all diese Zeichnungen bei einer Kellerüberflutung verloren. Es existieren nur noch zwei Fotos: von mir als Teenager, auf dem ich vor der gerahmten Skizze sitze und eine analoge Fotografie, wo man erkennen kann, dass ich schon früh mit Doppelbelichtung experimentiert habe. Eine merkwürdige Doppelung, ein Bild im Bild, eine Erinnerung an eine Erinnerung.
So gibt es Begegnungen mit Kunst, die sich im Moment ihres Geschehens nicht als einschneidend zu erkennen geben. Ihre Bedeutung entfaltet sich erst später, manchmal über Jahrzehnte. Als auch ich dann Länder wechselte, Sprachen lernte, mich wieder anpasste, war die Kunst die einzige Konstante, weil sie nichts außer Wahrheit verlangte.
Meine Geschichte folgt keiner geraden Linie. Sie setzt sich aus Verschiebungen zusammen. Mit neun Jahren kam ich aus der Ukraine nach Deutschland, lebte später in den USA, und kehrte schließlich zurück nach Deutschland. Dazwischen lagen Sprachen, Schulsysteme, kulturelle Codes und Selbstverständlichkeiten, die sich jedes Mal neu ordnen mussten. Jeder Ortswechsel brachte ein anderes Regelwerk mit sich, eine andere Art, sich zu verorten.
Für mich bedeutete Migration, zunächst am Rand zu stehen. Man hört mehr zu, als man spricht. Man liest Gesten, bevor man Worte versteht. Kunst begleitete mich durch all diese Systeme hindurch. Sie verlangte keine Übersetzung, keinen Abgleich, keine Erklärung. Ihre Wirkung war unmittelbar, körperlich, vorsprachlich. Während sich Zugehörigkeiten immer wieder neu formierten, blieb sie verständlich, unabhängig von Ort, Sprache oder Kontext. Inmitten des Fremden erwies sie sich als eine zugängliche Sprache, die von vielen Menschen verstanden wird.
Vielleicht erklärt all das, was ich so lange nicht in Worte fassen konnte. Nicht aus Abwesenheit von Gedanken, sondern aus Vorsicht gegenüber falscher Eindeutigkeit. Es gibt Erfahrungen, die kippen sofort, wenn man sie benennt. Sie rutschen in Narrative, die nicht die eigenen sind. Opfer, Überlebende, Exil, Bruch – alles verfügbare Begriffe, alle mit guter Absicht, und doch oft zu grob für das, was tatsächlich gelebt wurde. Erst in den letzten Jahren hat sich etwas verschoben. Nicht spektakulär. Eher wie bei einem Raum, in dem man lange gearbeitet hat, und irgendwann merkt, dass die Dinge anders stehen. Dass das Licht anders fällt. Dass man sich nicht mehr ständig anstößt.
So sehr Anpassung in meinem Leben notwendig war – das Leiserwerden, das Einfügen, das Zurücknehmen der eigenen Identität –, so mühelos war sie in der Kunst. Nicht, weil sie einfacher gewesen wäre, sondern weil sie nicht übersetzt werden musste. Auch die Reaktionen waren selten intellektuell. Sie waren instinktiv, körperlich, unmittelbar. Ein Erkennen vor dem Verstehen. Meine Arbeit heute trägt diese Geschichte in sich. Die Schichten, die Pigmente, die über Monate gegossenen Farbschichten der Sorbet Werke, sie alle halten Erinnerung, Ausharren, Verlust, Licht und Beharrlichkeit. Nicht nur als Symbole, sondern als gelebte Materialität. Kunst als Praxis der Aufmerksamkeit und Präsenz, nicht als Botschaft.
Wer in Übergängen aufwächst, lernt früh, dass nichts endgültig ist. Dass Stabilität nicht gegeben wird, sondern hergestellt werden muss. Und dass das, was trägt, oft unscheinbar ist: eine Geste, ein Ritual, ein Gegenstand, der bleibt, obwohl alles andere sich verschiebt. Kunst gehört für mich in diese Kategorie. Nicht als Ausnahme, sondern als Teil des Alltags. Als etwas, das nicht zwangsläufig heilt, sondern stützt. Für mich bleibt es eine Form der Annäherung: nicht das Werk zu fixieren, sondern die Bewegung, die es auslöst. Nicht zu sagen, was es ist, sondern zu beobachten, was es mit mir macht. Und manchmal reicht diese Einladung. Ein Raum, der offen bleibt. Ein Gedanke, der sich nicht schließt. Eine Präsenz, die nicht erklärt werden will. In dieser Offenheit liegt für mich keine Unsicherheit, sondern eine Form von Vertrauen. In die Zeit. In die Wahrnehmung. Und in die Fähigkeit, mit Ambivalenz zu leben, ohne sie sofort zu beruhigen. Ich schreibe also nicht, um eine Geschichte festzuschreiben. Sondern um ihr einen Ort zu öffnen und zu geben. Einen, der nicht endgültig ist. Aber tragfähig.
* = „привет всем дачникам и неудачникам“
Wörtlich ließe er sich ungefähr übersetzen mit:
„Hallo an alle Datschenbesitzer und Pechvögel.“
Oder: „Grüße an alle Datscha-Leute und Unglücksraben.“Doch genau hier beginnt die Herausforderung mit der Übersetzung: Das Russische arbeitet hier mit einem Reim und einer inneren Verschiebung, die im Deutschen kaum nachzubilden ist:
дачники (datschniki): Menschen mit Datscha, Sommerhaus, Rückzugsort, etwas Eigenem
неудачники (neudatschniki): Verlierer, Pechvögel, jene, bei denen es „nicht geklappt hat“
Beide Wörter unterscheiden sich nur durch ein einziges Präfix: дача (haben, besitzen) vs. неудача (Misslingen, Unglück). Im Russischen entsteht daraus ein lakonischer Gleichklang, der sagt: Wer eine Datscha hat, ist noch lange kein Gewinner. Und wer scheitert, gehört trotzdem dazu.
Im Deutschen gibt es keine vergleichbare Wortfamilie, in der Besitz und Scheitern so nah beieinander liegen. Jede Übersetzung muss sich entscheiden – und verliert genau dadurch den Witz.