Kreative Blockaden lösen: warum banale Übungen wirklich funktionieren
Keine Ideen mehr? Nicht größer denken. Kleiner anfangen.
Viele Menschen suchen nach Kreativitätsübungen, weil sie wieder eigene Ideen haben wollen. Doch die besten Übungen klingen erst einmal lächerlich einfach. Geh spazieren. Dusche. Lies etwas anderes. Schreib auf, was dir im Traum einfällt. Wenn man nicht versteht, wieso sie wirklich funktionieren, kann es passieren, dass man sie nicht wirklich ernst nimmt. Denn eine Dusche schreibt keinen Text. Ein Spaziergang malt kein Bild. Journaling löst kein Problem von selbst. Aber Kreativität beginnt nicht erst mit einem fertig gemalten Bild. Sie beginnt sehr viel früher. Dort, wo der Druck kurz nachlässt und Inspiration wieder möglich wird. Kreative Blockaden können sich sehr unterschiedlich anfühlen, zumindest bei mir. Wie ein kompletter Blackout, als innere Unruhe, als Druck schnell liefern zu müssen, oder einfach als stumpfes Wiederholen dessen, was man ohnehin schon kennt. Manchmal beginnt die Blockade allein mit der Vorstellung, Kreativität müsse nach Kunst aussehen. Kreativität gehört nicht nur in Ateliers und hat für mich auch nicht unbedingt mit künstlerischem Ausdruck zu tun. Sie ist viel alltäglicher und erlaubt, vertraute Bereiche zu verlassen und ein Problem aus einer anderen Richtung zu betrachten. Sie kann in einem Bild sichtbar werden, aber ebenso in einem Gespräch, in einer Entscheidung, in der Art, wie jemand kocht, schreibt, arbeitet, schenkt, denkt oder mit einer schwierigen Situation umgeht. Kreativität gehört nicht nur Künstlerinnen und Künstlern.
Eine Idee ist noch kein Werk
Ich habe das nicht zuerst aus Büchern gelernt, sondern mit einem Bleistift in der Hand. Als ich nach Deutschland kam, meldete mich meine Mama wieder in einer Kunstschule an und obwohl ich bereits viel Vorwissen mitgebracht hatte, ließ mich mein Mallehrer Wladimir wochenlang wirklich nur mit einem Bleistift eine Linie zeichnen. Ich hatte einen Bleistift, pro Sitzung im besten Falle ein paar Blatt Papier und durfte den Bleistift nicht absetzen. Denn die Aufgabe war es, Linien und Formen zu finden, die ich vorher noch nicht gezeichnet hatte. Wer das einmal gemacht hat, weiss, wie schwierig das ist. Nach ein paar Minuten wurden Hand und Kopf ungeduldig. Frustration machte sich breit, wenn mir nichts mehr einfiel. Ich wollte aufhören. Aber genau darum ging es. Man verfällt so leicht in seinen üblichen Doodle-Trott. ‚Das ist das Haus vom Nikolaus‘, wer kennt das nicht? Oder siebzehntausend Sterne im Erdkundeheft? Das ist eine super herausfordernde Übung, weil man einerseits nicht aus der Situation aussteigen ‚darf‘, gleichzeitig aber merkt, wie schnell man in bekannte Muster zurückfällt, körperlich gebunden ist und sich wirklich anstrengen muss, um aus dem Automatismus auszubrechen.
Ein einziges Blatt dieser Übungen hat die beiden Fluten in unserem Keller überlebt. Jahr müsste ich raten, ca. frühe 90er
Ein einziges Blatt dieser Übungen hat mehrere Fluten in unserem Keller überlebt, und ich hüte es wie einen Schatz, weil ich noch weiß, wie schwer mir diese Linien als Neunjährige gefallen sind. Von all den Dingen, die im Keller aufgeweicht, verzogen und verschwunden sind, blieb ausgerechnet dieses eine Blatt. Keine große Zeichnung. Kein fertiges Werk. Nur Linien. Und darin der ganze Widerstand eines Kindes, eine Linie, die sich wehrte. Erst Jahre später durfte ich die weiterführende Übung machen: Drucke auf handgeschöpftem japanischem Papier, bei denen kein Kreis dem anderen gleichen durfte. Hier ein Beispiel der Drucke von vor über 30 Jahren, abgebildet in einem Interieur Buch von Callwey, die eine eigene Interpretation dieser kreativen Übung hatten:
Japanische Drucke im Buch Wohnideen aus dem wahren Leben - Callwey, 2015
Wenn sich ein Stoppschild in die Kunst einschleicht
Sogar die eigene Freiheit benutzt alte Verkehrszeichen. Bis heute ist diese Art zu drucken eine meiner liebsten Übungen. Wahrscheinlich auch deswegen, weil sie bereits den Lockdown überlebt hat, samt hundertfacher Wiederholung und einer sehr geduldigen Charlotte, meinem damaligen Lockdown-Buddy, die unter der Drucklast der gedruckten Exemplare vermutlich mehr leiden musste als die Blätter selbst.
Hier sieht man eine kleine Auswahl unserer Druckergebnisse der Workshops aus der Quarantäne. Und für mich bis heute eines der schönsten Beispiele dafür, wie schnell sich ein banales Stoppschild in die Kunst einschleichen kann, sobald eine Form sich einmal tief genug in unser Gedächtnis eingefräst hat. Selbst wenn man frei drucken will, kommt irgendwann ein Stoppschild. Und es steht im Körper, nicht draußen vor der Tür.
Druckergebnisse aus Workshops mit ‘Stoppschild’ (oben links) während der Quarantäne, 2021
Warum Kreativität keine Instant-Ergebnisse liefert
Niemandem in der Kreativbranche muss man Rick Rubin vorstellen. Mir schon. Als 2023 sein Buch The Creative Act viral ging, musste ich ihn zuerst googeln. Ich kaufte es, nahm es mit auf eine mehrwöchige Reise durch die Schweiz und Süddeutschland, denn die Tage waren nicht dafür gemacht, ein Buch am Stück zu lesen. Seine kleinen Kapitel arbeiteten in Häppchen. Genauso, wie Werke entstehen. Später hörte ich, dass manche es banal fanden. Zu einfach. Zu spirituell. Zu wenig Methode. Zu viel „Woo-woo“. Ich verstand diese Reaktion lange nicht, weil ich mich in vielen Passagen erkannt fühlte. Dennoch ist nachvollziehbar, dass viele kreative Wahrheiten tatsächlich zu klein klingen für eine Blockade, das sich innerlich oft super groß anfühlt. Folge deinem Spieltrieb. Meditiere. Sei geduldig. Höre auf deinen eigenen Rhythmus. Fange an. Ignoriere äußere Meinungen. Sei neugierig. Höre hin. In Summe ist das alles richtig. Man traut diesen einzelnen Ratschlägen nur nicht immer, weil oft der Kontext und die Erfahrung fehlen, die zeigen würden, dass sie tatsächlich etwas im Denken und in der Wahrnehmung verändern. Und sie liefern leider auch nicht sofort Verwertbares. Sie öffnen nur die Wahrnehmung. Aber auch nur dann, wenn man bereit ist, sich zu öffnen und manches von dem hinter sich zu lassen, was man gelernt hat. Jup, klingt einfach, ist aber nicht unbedingt leicht.
‘the work reveals itself as you go’ - The Creative Act, Rick Rubin, irgendwo in den Bergen bei einem Zwischenstopp, 2023
Verlernen als körperliche Wiedererlaubnis
‚Meditation is a valuable tool for hitting the reset button. You may also try vigorous exercise, a scenic adventure, or immersing yourself in an unrelated creative endeavour. When you return with a clear perspective, you will more likely have the discernment to see what the project wants and needs. What allows this to happen is the passing of time. Time is where learning occurs. Unlearning as well.’ - Rick Rubin, The Creative Act: A Way of Being, S. 337-338
Bei Rubin blieb für mich vor allem sein Ratschlag hängen, zu spielen und zugleich die Dinge zu verlernen, die man gelernt hat. Erwachsene haben oft sehr gut gelernt, sich selbst zu kontrollieren, zu bewerten, zu vergleichen, effizient zu sein, nützlich zu sein und schnell zu verstehen, was von ihnen erwartet wird. All das kann im Leben hilfreich sein. Niemand muss verlernen, was er kann oder sein Handwerk ignorieren. Man muss nur aufhören, vorher schon wissen zu wollen, was dabei herauskommt. Für Kreativität kann es ziemlich eng werden, wenn die innere Kontrolle zu früh einsetzt. Vieles, was wir gelernt haben, hat uns einmal geschützt, weitergebracht oder stabilisiert. Aber im kreativen Prozess kann gerade das, was zuverlässig geworden ist, die Wahrnehmung verengen. Eine Lösung, die einmal geholfen hat, wird zur Gewohnheit. Eine Technik, die Sicherheit gab, beginnt, vor dem Unbekannten zu schützen. Eine Form, die lebendig war, wird zur Abkürzung.
Wladimir verstand genau das, als er mir einen Bleistift und ein Blatt Papier gab und meine Auswahl so radikal begrenzte. Er nahm mir nur die Abkürzungen, mit denen ich mich zu schnell gelangweilt hätte.
‘We are dealing in a magic realm. Nobody knows why or how it works.’ - The Creative Act, Rick Rubin, irgendwo in den Bergen bei einem Zwischenstopp, 2023
Diese sogenannten Baby Steps, diese lächerlich einfachen Handgriffe, können hilfreich sein, weil der Körper nicht allein durch Analyse und Einsicht umlernt. Information kann etwas erklären. Man kann verstehen, warum eine Übung wirkt und trotzdem nichts davon spüren, bis man sie macht. Wladimir hat mir das nie erklärt. Er hat mir nur einen Bleistift gegeben. Eine kleine, überschaubare Handlung gibt dem Nervensystem eine andere Erfahrung und kann dazu beitragen, alte Muster nach und nach zu überschreiben. Gerade deshalb sind kleine Experimente so wirksam. Sie senken das gefühlte Risiko und halten Überforderung klein, man gibt nur so viel Kontrolle ab, wie der Körper gerade aushält. Sie erlauben dem Körper, eine neue Erfahrung zu verstehen und zu verkörpern. Das ist keine magische Eingebung, die nur Künstlerinnen und Künstlern vorbehalten ist. Es ist etwas, das fast jeder kennt. Man braucht dafür kein Atelier. Nur einen Moment, in dem die Hand etwas tut, bevor der Kopf widersprechen kann. In Phasen von Ruhe, Wiederholung oder Tagträumen können entfernte Gedankenverbindungen so leichter auftauchen. Das ist keine Magie. Nur ein kurzes Nachlassen. So, wie die Schultern sinken, wenn man merkt, dass niemand zuschaut.
Deshalb wirken viele Kreativitätsübungen so unscheinbar. Sie führen uns nicht auf direktem Weg zum Ergebnis. Sie bringen uns zurück in eine großzügigere Aufmerksamkeit, die nicht sofort etwas aus dem Moment machen muss. Das klingt banal in einer Zeit, die selbst die Vorstellungskraft sofort nach ihrem Nutzen fragt. Genau deshalb passen diese Übungen so schlecht in unsere Gegenwart. Sie produzieren nichts. Sie geben etwas zurück, das sich schwer messen lässt. Einen Moment, in dem er nicht nur funktioniert. Friedrich Schiller schrieb diesen Satz bereits 1795 nicht als Aufforderung, sondern als Warnung:
„Der Nutzen ist das große Idol der Zeit, dem alle Kräfte fronen und alle Talente huldigen sollen.“
Epilog
Warum Schönheit doch kein Luxus ist - oder „denn die Kunst ist eine Tochter der Freiheit“
Das mit dem spielen wusste Schiller schon vor über 200 Jahren. Schiller schreibt die Briefe „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ nach der Französischen Revolution. Er ist erschüttert darüber, dass eine Revolution, die Freiheit bringen sollte, in Terror umschlägt. Warum werden Menschen trotz Vernunft nicht menschlicher? Weil Rationalität allein den Menschen nicht heilt. Er schreibt weiter: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Das klingt zuerst fast niedlich. Als würde ein Dichter aus dem 18. Jahrhundert Erwachsenen empfehlen, wieder Fangen zu spielen oder mit Kreide die Straße zu bemalen. Bei Schiller ist Spiel kein Freizeitprogramm. Er glaubte, dass Menschen innerlich kaputtgehen, wenn alles nur noch nützlich oder effizient sein muss. Wenn man ihn aber weiter liest, spürt man gleichzeitig auch etwas anderes bei ihm. Wie schwer Freiheit überhaupt auszuhalten ist. Schillers ästhetische Erziehung ist nicht einfach Leichtigkeit. Sie ist sein Versuch, Sinnlichkeit und Vernunft miteinander zu versöhnen. Ein Versuch, der stellenweise selbst wieder sehr streng wird. Und diese Schwierigkeit begleitet uns bis heute. Menschen suchen Freiheit und beginnen sofort, sie wieder zu kontrollieren. Das gilt für Idealisten. Und für Ateliers.
Wenn wir nur funktionieren, verlieren wir irgendwann den Teil in uns, der staunen, fühlen, träumen oder frei denken kann. Deshalb war Schönheit und Spiel für ihn kein Luxus. Man erlaubt sie sich nicht erst, wenn alle „wichtigen Dinge“ erledigt sind. Sie gehören zu dem, was den Menschen wieder vollständiger macht.
Für lange Sonntage, volle Notizbücher und kleine kreative Neustarts: diese Bücher haben diesen Essay begleitet:
Anne-Laure Le Cunff: Tiny Experiments: How to Live Freely in a Goal-Obsessed World
Bessel van der Kolk: The Body Keeps the Score
Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen
Wolfgang Welsch: Ästhetisches Denken
Rick Rubin: The Creative Act: A Way of Being