Über Entstehung, Prozess und Wahrnehmung der Sorbet-Serie
Manchmal beginne ich zu arbeiten, weil ein Gegenstand im Raum nicht ganz stillhält. Nicht, weil er sich bewegt, sondern weil er etwas festhält, das sich meinem Zugriff entzieht. Ein Tisch, an dem gearbeitet wird. Eine Vase, die nie Blumen trägt, sondern Staub. Ein Bild an der Wand, das man nicht mehr sieht, gerade weil es da ist.
Wer in Übergängen aufwächst, lernt früh, dass nichts endgültig ist. Dass Stabilität nicht gegeben wird, sondern hergestellt werden muss. Und dass das, was trägt, oft unscheinbar ist: eine Geste, ein Ritual, ein Gegenstand, der bleibt, obwohl alles andere sich verschiebt. Kunst gehört für mich in diese Kategorie. Nicht als Ausnahme, sondern als Teil des Alltags. Als etwas, das nicht löst, sondern begleitet.
Dinge sagen nichts. Und gerade deshalb tragen sie Bedeutung, Erinnerung, Zeit. Hier beginnt ein Nachdenken über Malerei: nicht dort, wo sie erklärt werden soll, sondern dort, wo sie sich weigert, bloß Hintergrund zu sein.
Und manchmal reicht das. Ein Gedanke, der sich nicht schließt. Ein Raum, der offen bleibt. Eine Präsenz, die nicht erklärt werden will. In dieser Offenheit liegt keine Unsicherheit, sondern eine Form von Vertrauen. In die Zeit. In die Wahrnehmung. Und in die Fähigkeit, mit Ambivalenz zu leben, ohne sie sofort zu beruhigen.
Über Formen, die wiederkehren
In der Geschichte der Moderne gibt es Formen, die nicht erfunden, sondern immer wieder gefunden werden. Kreis, Feld, Linie, monochrome Flächen gehören zu jenen elementaren Figuren, die sich aus der Konzentration vieler Suchbewegungen ergeben. Nicht als Stil, sondern als Ergebnis, Ereignis und Erlebnis.
Solche Formen entstehen dort, wo Material, Oberflächenspannung und Reduktion aufeinandertreffen. Sie sind keine gesetzten Ziele, sondern Verdichtungen und Essenzen einer Abstraktion, die sich einstellen, sobald Kontrolle abgegeben, Komposition vereinfacht und der Prozess ernst genommen wird. Dort, wo Wahrnehmung nicht illustriert, sondern erarbeitet wird. Die Entstehung der Sorbet-Serie war eine solche Suchbewegung.
Über das Beginnen ohne Bild
Die Sorbets entstanden als Versuch, Kontrolle abzugeben und Präsenz zurückzugewinnen. Sie begannen weder als Serie noch als Projekt, sondern als Notwendigkeit in einer existenziellen Phase.
Der Ausgangspunkt war keine Form, sondern eine Situation, kein Motiv, sondern ein Zustand, kein Entwurf, sondern der Wunsch, den eigenen Wahrnehmungsraum neu zu stabilisieren. Der Beginn lag im White Cube meines Ateliers, in radikaler Reduktion. Einschließen, Wiederholen, Vereinfachen. Gewissheiten lösen, Sicherheiten aufgeben. Öffnung zulassen, Material, Körper, Prozess. Eine Suchbewegung ohne Bildidee, ohne Erwartung, ohne formales Ziel.
Das Arbeiten selbst wurde mir näher als das Sprechen darüber. Es begann, Zeit zu strukturieren, ohne sie zu beschleunigen. Es schafft Wiederholung, ohne Stillstand. In der Wiederholung liegt etwas Beruhigendes, aber auch etwas Widerständiges. Man kehrt zurück, nicht um zu perfektionieren, sondern um zu bleiben.
Über den Anfang auf dem Boden
Die Leinwand liegt flach auf dem Boden. Sie muss dort liegen. Jede Neigung würde den Prozess verändern, jede Schräge würde eine Richtung vorgeben, die nicht vorgesehen ist. Die Oberfläche ist nass, offen, aufnahmebereit, durchlässig. Noch bevor Farbe ins Spiel kommt, beginnt das Material zu arbeiten.
Zuerst zieht Wasser ein, sammelt sich in den Fasern, bildet unsichtbare Reserven, kleine Pfützen, in denen sich Spannung und Schwerkraft begegnen. Die Oberfläche wird zu einem Träger von Bewegung, noch ohne Farbe, noch ohne Bild.
Dann Pigment. Stark verdünnt, fast schwerelos. Es wird in die Mitte gegossen, breitet sich aus, folgt den Wasserwegen, den feinsten Unebenheiten, den Waben des Gewebes. Das Wasser trägt, zieht, verteilt, hält zurück. Nichts davon lässt sich führen. Die Farbe sucht sich ihren eigenen Verlauf.
Schicht um Schicht lagert sich ab. Über siebzig Wiederholungen, oft mehr. Zwischen den einzelnen Phasen Trocknung, Unterbrechung, Rückkehr. Zeit beginnt, sich einzuschreiben. Das Motiv wandert. In den Rändern, in den Übergängen, in den kaum sichtbaren Verschiebungen der Töne. In diesem Zustand beginnt sich Form zu zeigen.
Über das Entstehen des Kreises
Die runden Formen dieser Serie sind keine Motive. Sie sind keine Symbole. Sie sind keine bewusst gesetzten Zeichen.
Der Kreis entsteht hier nicht als Entwurf, sondern als physikalische Konsequenz. Als Resultat von Gravitation, Kapillarität, Zeit und Oberflächenspannung. Er ist nicht geplant, nicht konstruiert, nicht ikonisch. Er wird nicht gemalt. Er wird gegossen. Er wird nicht gesetzt. Er ergibt sich.
Was erscheint, ist kein geometrischer Körper, sondern eine Sammlung von Bewegung. Eine Spur von Zeit. Und mehr noch: es entstehen keine geschlossenen Kreise, sondern offene Flächen. Konzentrationen ohne harte Ränder. Verdichtungen, die sich zum Rand hin auflösen, die wandern, sich verschieben, sich absetzen. Der Kreis ist hier kein Zeichen. Er ist Speicher. Sediment eines Prozesses. Materialgedächtnis.
Über Farbe und Licht
Die Wahl der Neonpigmente war eine pragmatische, fast zufällige Entscheidung: es waren die strahlendsten Farben im Atelier in einer herausfordernden Lebensphase. Kein symbolisches Programm. Auch wenn Neon in der Farbwelt eine sehr besondere Farbe ist, verlieren diese Pigmente in diesem Prozess ihre Signalwirkung. Durch Verdünnung, Schichtung und Durchdringung werden sie zu Atmosphären.
Die Farbe erscheint hier nicht als Konzept, nicht als Energie, nicht als Behauptung. Sie signalisiert nicht. Sie fordert nichts. Sie reguliert. Sie beruhigt. Sie sammelt.
Obwohl dieses Material ein Ereignis ist, werden die Bilder leise. Zart. Zurückhaltend. Sie entziehen sich der Wahrnehmung, wenn man mit ihnen lebt. Sie verlangen keine Einordnung. Sie dürfen schweigen.
Über Wirkung, Raum und Dauer
Die Sorbets existieren nicht unabhängig vom Raum, in dem sie hängen. Sie reagieren auf Licht, auf Tageszeiten, auf Entfernung, auf Gewöhnung. Sie verändern sich, ohne sich zu verändern.
Im Morgenlicht erscheinen sie buttrig warm, tagsüber klarer, kühler, fast minimalistisch. Im Abendlicht werden sie samtig, intensiv, tief. Manchmal treten sie hervor. Manchmal verschwinden sie beinahe. Was sichtbar wird, ist nie nur Farbe, sondern ein Verhältnis zwischen Bild, Licht und Blick.
Aus der Nähe lösen sich die Formen auf. Schichten, Übergänge, kaum wahrnehmbare Verschiebungen treten hervor. Aus der Distanz sammeln sie sich wieder, finden ihr Zentrum, werden ruhiger, geschlossener. Das Bild ist nie identisch mit sich selbst. Es entsteht im Wechsel der Perspektiven.
Mit der Zeit verändert sich auch die Beziehung. Was anfangs intensiv erscheint, wird leiser. Was zuerst auffällt, tritt zurück. An seine Stelle tritt Vertrautheit. Gewöhnung. Ein langsames Einwohnen in den Blick. Die Bilder verlieren nichts. Sie geben Raum frei.
Über Jahre beginnen sie, Teil des Alltags zu werden. Nicht als Ereignis, sondern als Dauer. Sie begleiten. Sie strukturieren Wahrnehmung, ohne sie zu lenken. Sie halten einen Zustand offen, in dem Licht, Farbe und Zeit miteinander im Gespräch bleiben. Diese Bilder sind nicht laut. Nicht fordernd. Nicht spannungsvoll. Sie arbeiten nicht mit Präsenz, sondern mit Nähe.
Sie sagen nicht: sieh mich.
Sie sagen: bleib bei mir.