Der wichtigste Rat meiner Karriere kam viel zu früh

Walking with Giants #1: Gudy

Der wichtigste Rat meiner Karriere kam viel zu früh

Wenn man Menschen fragt, was der wichtigste Ratschlag ihrer beruflichen Laufbahn war, erwartet man oft etwas fundamental Stabiles. Etwas, worauf man konkret bauen kann. Handfeste Tipps, die sich sofort umsetzen lassen. Wenn man naiv ist, hofft man sogar auf Abkürzungen. Die gibt es vielleicht. Bei mir jedoch war es etwas zutiefst Destabilisierendes.

Man versteht vieles erst im Nachhinein. Nicht, weil man klüger geworden ist, sondern weil man irgendwann genug Abstand hat, um zu erkennen, was einen tatsächlich aufgehalten hat. Der wichtigste Rat für meine kreative Praxis kam immer wieder, in unterschiedlichen Variationen. Vor allem aber: er kam viel zu früh: „Shoot now, correct later!“

das erste gemeinsame Foto, Januar 2014

Er kam von Gudy, die im Laufe der Jahre vieles für mich war: Mentorin, Chefin, Kollegin und schließlich Freundin. Sie hatte von Anfang an ein Gespür für mich und konnte Dinge erfassen, bevor ich sie selbst hätte benennen können. Nichts davon konnte ich früher sehen. Ich müsste sie eigentlich einmal fragen, warum sie mich damals für Eclectic Trends engagiert hat. Sicherlich nicht, weil ich mich besonders sichtbar gemacht hätte, im Gegenteil. Sie sagte diesen Satz zu einer jungen Frau, die vieles konnte, nur eines nicht: sich zeigen, bevor alles abgesichert war.

Das Schreiben für Gudy war damals für mich ein Werkzeug, um Strömungen zu beobachten und eine Sprache für etwas zu finden, das sich noch nicht gezeigt hatte. Gleichzeitig – und darin liegt die Ironie – fand Gudy mit derselben Präzision eine Sprache für etwas in mir, das sich mir selbst noch nicht gezeigt hatte.

Man kann sich erstaunlich lange – Jahrzehnte – in Zwischenräumen bewegen, ohne sie als solche zu erkennen. Kompetenz ohne Autorenschaft. Wirksamkeit ohne Zuschreibung. Qualität ohne Bühne. Das hat etwas Beruhigendes. Man ist da, ohne adressiert zu werden. Man wirkt, ohne Projektionsfläche zu sein. Es ist ein bekannter und geschützter Zustand.

So habe ich mich in Inkubationsräumen eingerichtet, ohne zu merken, dass ich mich in Wahrheit versteckte. Räume ohne Bühne, ohne Öffentlichkeit, ohne Zuschreibung. Orte, an denen gearbeitet wurde, gedacht, geformt, verworfen. Orte, die sicher waren und in denen nichts passieren konnte, was nicht kontrollierbar war. Es ist erstaunlich, wie überzeugend und produktiv sie sich anfühlen. Inkubation hat etwas sehr Beruhigendes, sie entlastet von Bewährung in der Realität. Sie erlaubt es, Potenzial zu hüten, ohne ein Risiko einzugehen. Gerade für Menschen, die früh gelernt haben, dass ihre Sichtbarkeit und Ausdruck riskant ist, kann sie zu einer zweiten Haut werden. Man sagt sich: Es ist noch nicht so weit. Ich arbeite noch. Ich bin noch nicht fertig. Und oft stimmt das sogar. Das Schwierige ist, Inkubation sieht von innen genauso aus wie Wachstum. Man arbeitet, lernt, verfeinert, vertieft. Es entsteht Qualität. Es entsteht Substanz. Und dennoch fehlt etwas. Nicht in der Arbeit selbst, sondern in ihrer Beziehung zur Welt. Inkubation schützt das Potenzial, aber sie fordert nicht. Sie isoliert.

Gudy wusste, dass ich Tag und Nacht Kunst machte, aber von Dutzenden Projekten, wenn überhaupt, eines zeigte. Ich hatte meine Gründe. Vor allem hatte ich meine Ausreden. Aber sie ließ nicht locker, als ich wieder einmal mit einer Idee kam, die sie eher als Symptom denn als Ausdruck erkannte, und schrieb mir am 20. März 2015 einen Brief aus Barcelona:

kaum noch lesbar: ‘Barcelona, 20.03.2015’

„…Weißt du, Anastasia, ich werde jetzt einmal ganz ehrlich sein. Die Idee mit der neuen Seite ist gut und hilft sicherlich auch, aber das ist es nicht, glaube ich. Ich habe das Gefühl, es hat eher etwas mit dir selbst zu tun, oder? Du hast ein unglaubliches Talent. Du hast etwas, was viele Leute nicht haben. Was ist es, was dich so bremst, du selbst zu sein? Hau die Sachen raus, die du machst. Perfektionismus und nicht an dich selbst glauben können so ausbremsen, das ist sehr schade. Du könntest die Styling-Welt erobern, wenn du nur ein bisschen mehr an dich selbst glauben würdest. Und ich würde dich unterstützen, so sehr ich kann. Nur dir das Selbstbewusstsein geben, das kann ich leider nicht. Würde ich aber gern. Das kannst du mir glauben. Ich bin fest davon überzeugt, wenn du dieses Thema an der Wurzel packst, dann läuft alles andere von alleine. Wetten?“

Und danach immer und immer wieder: „Shoot now, correct later!“

Ich verstand diesen Satz nicht. Genauer gesagt: ich verstand ihn falsch, denn er war für mich destabilisierend. Ich hörte eine Gefahr für alles, was mir heilig war, und einen Widerspruch zu dem, was mir meine Ausbildung beigebracht hatte. Wie sollte ich etwas Unfertiges zeigen, wenn in meinem Kopf bereits eine präzise Vision existierte? Wie sollte ich etwas nach außen tragen, das meinem inneren Maßstab noch nicht entsprach, dessen endgültige Form ich bereits spürte, aber noch nicht erreicht hatte? Ich hielt mein Zögern für Integrität, meine Zurückhaltung für Stärke, meine Stille für Tiefe, meinen Perfektionismus für Qualitätsanspruch. Heute weiß ich, dass er vor allem eines war: Schutz und vor allem Angst vor Sichtbarkeit.

Damals war ich unsicher, gebunden an Zweifel und den Wunsch, anschlussfähig zu sein. Nicht, weil ich nichts Eigenes hatte, sondern weil ich immer wieder gelernt hatte, dass mein ursprünglicher Ausdruck nicht sicher war. Und weil mir nie gezeigt worden war, dass es dafür einen Raum geben würde, denn mir war früh gesagt worden, dass Frauen nicht mutig genug seien, um Künstlerin zu sein. Ich habe diese Stimmen nicht bekämpft. Ich habe mich ihnen angepasst. So habe ich gelernt zu funktionieren: diszipliniert, zuverlässig, präzise, innerhalb von Systemen zu arbeiten, für sie zu produzieren. Ich war geübt darin. Und obwohl Gudy mich immer wieder fragte, warum ich meine Dinge nicht zeige, veränderten ihre Worte damals genau: NICHTS!

Was es brauchte, war kein innere Entscheidung, sondern ein Zusammenbruch. Ein Punkt, an dem Anpassung nicht mehr funktionierte, an dem das System, das mich so lange getragen hatte, mich nicht mehr hielt. In diesem Moment geht es nicht mehr um Mut, sondern um Notwendigkeit. Heute weiss ich, dass das kein Akt der Selbstbehauptung war. Eher ein Loslassen. Ein Aufgeben der Kontrolle. Ein Akzeptieren dessen, dass Qualität sich erst im Kontakt zeigt. Dass Wahrheit nicht fertig sein muss, um wirksam zu werden. Dass Bedeutung nicht im geschützten Raum entsteht, sondern an seiner Schwelle. Inkubation ist wichtig. Sie ist oft unverzichtbar. Aber sie ist kein Zustand, in dem man bleiben sollte, wenn man bereits tragen kann. Wachstum, das nur im luftleeren Raum existiert, bleibt potenziell. Erst im Draußen entscheidet sich, ob etwas wirklich lebt. Für mich ist es einer der schwierigsten Teile kreativer Arbeit, zu erkennen, wann Vorbereitung abgeschlossen ist und wann das, was schützt, beginnt zu lähmen. Wann Stille nicht mehr nährt, sondern verzögert. Dafür braucht es meist andere Menschen. Nicht jene, die antreiben, sondern jene, die sehen. Die den Raum halten, solange er nötig ist, und ihn loslassen, wenn er zu klein wird. Inkubation ist kein Alleingang. Sie vollzieht sich im Austausch mit vertrauten Zeugen. Und ihr Ende oft ebenfalls.

In dieser erzwungenen Pause geschah etwas Entscheidendes: Gudy ließ mich. Sie verlangte nichts. Sie gab mir Zeit. Sie war in der Ferne da. Sie sagte mir, ich solle mir Zeit nehmen. Alle Zeit, die ich brauche. Und dass sie mich verstehen würde, egal, wie lange es dauert. Dieser Satz war vielleicht noch wichtiger als der erste. Meine kreative Laufbahn steckte damals fest, nicht aus Mangel an Ideen, sondern aus Angst vor dem Schritt, der alles verändern würde.

Ohne Gudy hätte es meine Kunst weiter gegeben. Aber sie wäre wahrscheinlich nicht öffentlich geworden. Heute, viele Jahre später, verstehe ich, was sie damals meinte. „Shoot now, correct later!“ war kein Aufruf zur Eile oder Nachlässigkeit, kein Verrat am Handwerk, sondern ein Aufruf zur Bewährung. Es bedeutete, den geschützten Raum zu verlassen, nicht um mich zu verlieren, sondern um zu prüfen, ob das, was ich in mir trug, auch in der Realität trägt. Ich habe mein Leben lang gelernt, mich anzupassen, und erst als ich mir erlaubte den Schritt hinaus zu wagen, setzte Wachstum ein. Plötzlich kamen Menschen auf mich zu mit ähnlichen Gedanken, gleichen Spannungen, identischen Fragen. Erst da verstand ich, dass die Notwendigkeit, aus der ich immer gearbeitet hatte, größer war als ich selbst. Dass sie nicht privat war. Dass sie teilbar war. Das, wovor ich mich am meisten gefürchtet hatte, hat mich nicht zerstört, sondern beflügelt. Meine Inkubation war lang, und sie war notwendig. Ich habe mich geschützt, weil ich es musste. Aber irgendwann war Schutz kein Schutz mehr, sondern ein Käfig. Der Übergang nach draußen war kein heroischer Schritt, sondern eine Konsequenz. Und erst dort fand sich eine Sprache, die von mehr Menschen wie Gudy verstanden wurde weil ich sie nicht mehr zurückgehalten habe.

Heute weiß ich: Manchmal ist der wichtigste Rat derjenige, den man erst versteht, wenn man ihn nicht mehr befolgen kann, sondern ihm folgen muss. Und manchmal sind es genau die Dinge, vor denen wir die größte Angst haben, die uns zeigen, dass wir längst bereit waren.

Dass ich mich heute zeigen kann, hat viele Gründe, aber dass ich mich damals innerlich dafür entschieden habe, hat viel mit Gudy zu tun. Sie hat mich gesehen. Und sie hat mir Zeit gegeben. Ermutigung ohne Forderung. Geduld ohne Druck. Vertrauen ohne Bedingungen.

Sie gab mir einen Satz mit, der mich bis heute begleitet und zeigt, dass innere Wahrheit nicht nur Zeit braucht, sondern auch Mut im Jetzt. Manche Menschen verändern nicht nur unsere berufliche Laufbahn. Sie verändern den Raum, in dem wir uns erlauben, wir selbst zu werden.

Gudy ist so ein Mensch.

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