Artist Library

Zwischen Kunst, Theorie und Material: die Bücher hinter meiner Arbeit.

Jahrelang standen meine Bücher im Keller. Tausende davon. Ausgelagert, weil ich die Wände meiner Wohnung brauchte. Für Leinwände, für Licht, für das, was damals meine eigentliche Arbeit als Künstlerin war. Als sich letztes Jahr etwas veränderte, räumlich und familiär, holte ich sie teilweise zurück.

Ich komme aus einer Familie, in der Sprache sehr ernst genommen wurde. Philosophie, Linguistik, Werkzeug. Ich war die Jüngste und diejenige, die mit Farbe antwortete, und weil mir Worte noch nicht gehörten und gehorchten. So waren meine Bilder immer stiller, als ihre Entstehung es je war. Aber die Bücher waren nie weg. Sie haben nur im Dunkeln gewartet. Nun sitze ich hier, in meiner neuen alten Bibliothek und merke, wie sich meine Arbeit verändert weil auch all diese Bücher Instrumente sind, die meiner Arbeit Form gaben und geben.

Wenn man die Gegenwart aus der Sicht einer Kulturschaffenden betrachtet, könnte man meinen, die halbe Welt war letzte Woche in Mailand. Der Salone del Mobile zog wieder seine Kreise, was kurz wie Weltgeschehen wirkte. Dem ist natürlich nicht so, denn außerhalb dieser Sphäre bleiben die Maßstäbe andere. Ich war oft dort, sehr gern sogar! Dieses Jahr bin ich bewusst zuhause geblieben, denn nicht jede Bewegung braucht einen Ortswechsel. Die letzten Jahre haben mir gezeigt, dass viel meiner Inspiration gerade dort entstanden ist, wo ich Zuhause geblieben bin.

Ein Gedanke zur Gegenwart aus dem Podcast Hitmakers von Leland Maschmeyer und Ana Andjelic, Episode What Happened to Luxury

Manchmal ermüdet nicht das Neue selbst, sondern die Geschwindigkeit, mit der es heute erklärt, verworfen und schon wieder ersetzt wird. Wir brauchen weniger Zukunftsangst als ein feineres Gespür für den Ton, in dem Zukunft vorgestellt wird. Leland Maschmeyer nannte das „catastrophe literacy“. Ich mochte das sofort. Viele kulturelle Diskurse drehen sich um einen seltsamen Kreislauf aus absoluten Urteilen, oft so endgültig und historisch vorgetragen, als müsse man sich sofort anschnallen. Gut, dann tauchen wir mal in den nächsten Monaten in die Historie ein. Vor mir liegen Werke, die zum Teil vor ca. 100 Jahren geschrieben wurden. Und dazwischen ein unscheinbarer Schatz meines Stiefpapas, der seit 1986 im Regal wartet.

‚IBM - Die Auswirkungen der Informationstechnik.’

Das IBM-Büchlein von 1986 ist kein reines Nostalgieobjekt. Es arbeitet heraus, dass Technologie nicht immer eine Richtung vorgibt, sondern die Qualität unserer Fragen beschleunigt. Gerade deshalb wirkt es heute so aktuell, denn auch kreative Arbeit entscheidet sich weniger an Tools als an Urteilskraft. Lange vor dem Internet geschrieben betont dieses Heft etwas bemerkenswert Menschliches:

‚Informationstechnik eignet sich bestens für Innovationen - falls der Mensch die ‚richtige’ Frage stellt.‘ S. 62

IBM – Die Auswirkungen der Informationstechnik (1986): „Informationstechnik eignet sich bestens für Innovationen – falls der Mensch die ‚richtige‘ Frage stellt.“

Darin liegt mehr als ein technischer Hinweis. Es berührt die Frage, was Kreativität ursprünglich war. Nicht bloße Variation, sondern die Fähigkeit, aus innerer Notwendigkeit die richtige Form für eine wirklich existenzielle Frage zu finden. Menschen formten Werkzeuge, Gefäße, Bilder, Rituale und Räume, weil etwas gebraucht wurde: Schutz, Orientierung, Erinnerung, Sinn. Erst sehr viel später wurde Schöpfung auch Ware, Branche und permanenter Neuheitenzyklus. Und das führt wiederum zurück zu einer viel älteren Wahrheit: Kreativität entstand nicht, um Content zu liefern. Sie entstand, weil Menschen frierten, trauerten, bauten, liebten, glaubten und Spuren hinterlassen wollten. KI verunsichert viele kreative Bereiche nicht deshalb, weil Maschinen plötzlich Kunst entdeckt hätten, sondern weil sichtbar wird, wie viel vermeintliche Kreativität längst nur Variation innerhalb eines Marktes war.

Der in den letzten Jahrzehnten bekannte Markt liebte Neuheiten, aber die Reihe von Fragen, die unser Leben und diese Bücher aufwerfen scheinen mir dringlicher als jede Trendvorschau. Denn ich interessiere mich gerade weniger für das Neue als für das, was das Neue mit uns macht. Wenn alles so leicht hergestellt werden kann, beginnt die Frage nach Bedeutung und Orientierung. Die Kunst stand schon immer sehr nah an den Strömungen der Zeit und arbeitet dort, wo Begriffe noch nicht reichen: im Bild, im Material, in Atmosphäre, im Körpergedächtnis. Was also macht Technik mit dem Menschen? Welche Rolle spielt Können? Welche Bedeutung hat Handwerk im Zeitalter der Simulation? Seit Bilder endlos produziert werden können, schauen wir nun anders auf das Berührte. Wenn alles sofort sein kann, verändert sich der Wert dessen, was Zeit braucht.

Arbeitsfläche Artist Library

Neben mir lehnen antike Leinwände. Stoffe, die die Müdigkeit vieler Sommer in sich tragen, aber auch die stille Hoffnung und Möglichkeit, noch einmal anders bespannt zu werden. Gerade fühlt es sich so an, als würden Stoffe weniger behaupten als Sprache…

Und dennoch schaue ich nach Mailand, allein schon aus alter Verbundenheit. Es wäre mein achtes oder neuntes Mal gewesen. Freunde stellen dort aus, kluge Arbeiten und gute Form erkennt man auch auf Distanz. Wie Keramik, in der man noch die formende Hand erkennt. Oder Marmor, der bewusst mit dem italienischen Wort für Langsamkeit ‚piano’ spielt. Aber dann sitze ich wieder in meiner Bibliothek, halte ein unscheinbares Büchlein von IBM in der Hand, das mein Stiefvater einst besaß, und erkenne darin etwas Vertrautes: dass mein Weg nie außerhalb dieser Welt lag, sondern mitten durch sie hindurchführte. Was sich daraus ergeben wird, weiß ich noch nicht. Ich merke nur, dass vieles in Bewegung geraten ist. Und manchmal ist eine gute Frage verlässlicher als jede vorschnelle Antwort.

Artist Library beginnt hier.

Arbeitsfläche Artist Library und ein domestizierter Schneesturm

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